28 | 06 | 2017

Konflikte - Dogmen - Sprachlosigkeit - Terror

Was hat sich am 11. September 2001 wirklich geändert? Was hat das alles mit uns und unserer Problematik zu tun? Darf überhaupt der Versuch unternommen werden eine Beziehung zwischen der Transgender-"Problematik" und den Vorkommnissen in den USA herzustellen?

Zunächst wollte ich noch in der Nacht zum 12.09. meine Gedanken dazu niederlegen und sofort veröffentlichen. Ich tat es nicht, ließ mir Zeit. Vieles in mir kam zur Ruhe seither, wurde aber auch klarer, bezogen auf die Zusammenhänge die ich darstellen will.

Die Überschrift ist geblieben und so werde ich zunächst, auch wenn bereits viel darüber geschrieben wurde, auf "das Ereignis" eingehen. Der Ausgangskonflikt, und ich gehe auch in meinem Sachbuch darauf ein, ist das Denken aus verschiedenen kulturellen Blickwinkeln heraus. Diese Blickwinkel, und die damit verbundenen Bilder, sind teilweise über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende gefestigt und verfestigt. Die rasend schnelle technische Entwicklung, die daraus entstandene Neugier aufeinander und die Möglichkeiten aufeinander zuzugehen und sich zu ergänzen, führten aber dazu, dass wir uns selbst "überholt" haben.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass es von amerikanischen Bürgern als selbstverständlich angesehen wurde Menschen anderer Nation oder Hautfarbe als Sklaven zu behandeln. Viele Bürger europäischer Nationen hielten es für legitim am Sklavenhandel mit zu verdienen.

Noch vor weniger als hundert Jahren wurden abendländische "Segnungen" anderen Völkern aufgezwungen, ohne sich wirklich mit den Werten ihrer Kultur auseinander zu setzen.

Der religiöse Konflikt:

Bis heute arbeiten nicht nur Sekten und Glaubensgemeinschaften, sondern auch die "großen" christlichen Kirchen mit einem Abgrenzungsanspruch, teilweise sogar Totalitätsanspruch. Wenn ich es hier einfach einmal wage "Klartext" zu reden, dann stellen sich j a doch z.B. aus der Sicht eines externen "Beobachters" die Fragen:

Wenn die römisch-katholische Kirche berechtigterweise die Wahrheit gepachtet hat, sind dann Juden Menschen, die sich der göttlichen Einladung seinen Wegen zu folgen verweigern? Sind sie im alten Testament steckengebliebene Sturköpfe?

Sind aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet orthodox Christen Menschen, die sich dem Auftrag Christi verweigern die Nachfolge seiner Jünger anzutreten?

Sind dann alle Menschen mohammedanischer und evangelischer Glaubensrichtungen den Falschaussagen von Abweichlern aufgesessen?

Sind dann Buddhisten, Hindus, Indianer, ... also alle Menschen, die sich in ihrem Glauben und ihrer Kultur nicht auf das Alte Testament berufen und das "wahre" Christentum, Ressourcenvernichter auf dieser Erde?

Wie geht es Ihnen, dem Leser wenn sie diese, sicher verkürzt dargestellten Aussagen lesen und dann gleichzeitig bedenken, dass deutsche Bischöfe am letzten Sonntag in Predigten den Vergleich mit dem Turmbau zu Babel und der Austreibung der Händler aus dem Tempel heranzogen und von einer Strafe Gottes sprachen?

Von allen Seiten, den staatlichen, den politischen, den christlichen und den Seiten des Islam, wird ausdrücklich festgestellt, dass es sich um keinen "Glaubenskrieg" handelt, der Terror keine Legitimation im Islam findet. Diese Aussage ist, isoliert betrachtet, eindeutig richtig.

Der ökonomische Konflikt:

In unseren Geschichtsbüchern wird stehen, dass Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts der Kommunismus als Staatsform gescheitert ist. Der kleine "Schönheitsfehler" dieser Darstellung ist aber, dass es nie gelungen ist eine kommunistische Staatsform zu schaffen. Was scheiterte waren Staatsformen, die mit zentralistischer Gleichschaltung, auch im ökonomischen Bereich, Machtstrukturen aufbauten, die mit jedem anderen religiös begründeten totalitären System vergleichbar sind.

Gescheitert sind die Staaten weil sie ihren Menschen keinen Himmel versprechen konnten und ihnen auf Erden keine Versprechen mehr geglaubt wurden. Gescheitert sind sie dann endgültig daran, dass die Menschen nichts anderes mehr als ihre Würde zu verlieren hatten. Gescheitert sind sie, weil es durch die technischen Entwicklungen keine ausreichenden Möglichkeiten mehr gab die Menschen in ihren Staaten dumm zu halten. Gescheitert sind sie dann auch dort, wo es nicht mehr möglich war mit Gewalt die Interessen Einzelner gegen die Masse durchzusetzen. Gescheitert sind sie auch dort, wo der Magen so hungrig war, dass der Hunger der Seele deutlich wurde.

Es gab aber auch einen anderen, nur in Zwischentönen der Berichterstattung zu lesenden, subtilen Hintergrund für das Scheitern der "kommunistischen" Staaten. Klar wird dies dem Leser, wenn er sich in Erinnerung ruft, dass nur die Staaten von dem Zusammenbruch betroffen waren, die räumlich in der nördlichen Erdhalbkugel angesiedelt sind, nicht in der asiatischen oder 3. Welt.

Die Märkte der "freien westlichen Welt" und der "kommunistischen Welt" waren die selben geworden und den Menschen und Regierungen dort wurde klar, dass etwas "schief läuft". Auf die missionarische Ausbeutung folgte die koloniale Ausbeutung und schließlich die Ausbeutung durch abhängig machende Entwicklungshilfe (bei Gott, ich will hier nicht unterstellen, dass es nicht auch ehrlich gemeinte Hilfe gegeben hätte). Der Nord-Süd-Konflikt wurde von "freiheitlich westlichen" Systemen ebenso erlebt, wie von den "kommunistischen" Systemen, soweit es um die Aufteilung der Ressourcen und den ökonomischen Einfluss ging.

Unter diesen Gesichtspunkten war die Zeit reif dafür ein gescheitertes politisch-ökonomisches Prinzip aufzugeben und sinngemäß einem Ausspruch von Churchill zu folgen: "Die Demokratie ist eine schlechte Regierungsform, aber ich kenne keine bessere."

1999 erlebte ich den G7-Gipfel in Köln, an dem Russland als "Gast" teilweise teilnahm. Der Coup der Verteilung der Ressourcen schien noch nicht enttarnt. Wenn ich mir, im Hinblick auf die Fragen von G8 und der Globalisierung, die Bilder von Göteborg und Genua in Erinnerung rufe, dann wird mir deutlich, dass zwar verschiedene Dimensionen und Methoden, auch Beweggründe vorliegen, im Vergleich zu dem, was in New York geschehen ist, die Wurzeln aber die selben sind. Es gibt nichts mehr zu verteilen, also auch nichts mehr zu verlieren. Wir müssen lernen umzudenken.

Die wirtschaftliche und politische Führung Amerikas, und ich habe bewusst diese Reihenfolge gewählt, wird sich eines Tages von der Geschichte gefallen lassen müssen, dass sie "blauäugig" nur auf ihre Interessen gesehen hat und unterstellte: "Was uns gut tut muss auch für alle anderen gut sein".

Mit den religiösen und den ökonomischen Konflikten habe ich exemplarisch zwei Bereiche angerissen, die beide auch mit Macht zu tun haben. Macht und Ohnmacht sind die Eckpunkte eines breiten Spektrums im Leben und Zusammenleben. Sie werden aber auch als die beiden Seiten einer Medaille im dualen Denken gesehen. Duales Denken ist einfach zu handhaben. Dafür braucht es keine Menschen, das können Maschinen. Die Menschheit existiert aber nun einmal, jeder Einzelne. Ist Menschsein nun Selbstzweck, Störfaktor oder verhandelbare Masse?

Genau diese Frage leitet eigentlich zum 2. Begriff über, den Dogmen.

Wenn Menschsein Selbstzweck ist, dann bin ich mir in jedem Fall näher als dies mir meine Eltern, meine Kinder, meine Nachbarn oder jeder andere ist. Individualisierung wird schrankenlos und jeder der mich dabei behindert ist mein Feind. Damit wird jeder Mensch zum Störfaktor, der individualisierte Mensch selbst aber zum Störfaktor der Menschheit. Der Einzelne wird sich also selbst zum Feind und damit wertlos, denn seine Existenz stört ihn bei seiner Entwicklung. Mit dieser dogmatischen Schlussfolgerung kann kein Mensch leben. Von hier bis zur Selbstaufgabe ist es nur noch ein winziger Schritt, der es z.B. möglich macht zum Selbstmordattentäter zu werden. Ich bin mir klar darüber, dass ich verkürzt dargestellt habe, mit Sicherheit aber nicht verkürzt gedacht habe.

Es stellt sich die Frage: Schaffen Dogmen Konflikte oder führen Konflikte zu Dogmen?

Wenn ich mir die letzten 3.000 Jahre Weltgeschichte, im Bereich Naher Osten, Mittelmeerraum, Europa, Nord- und Südamerika aus europäischer Sichtweise, Russland (und wer weiß schon was UDSSR ist und war?) ansehe, dann komme ich zu dem Schluss, dass beide Aussagen richtig sind. Aus meiner ganz persönlichen Sichtweise gibt es nur einen einzigen rechtlichen und politischen, damit auch menschlich akzeptablen Denkansatz zur Überwindung von Konflikten, die "Bill of Rights". Die Fortschreibung dieses Gedankengutes, ob diese nun in der französischen Revolution erfolgte, der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Erklärung der Menschenrechte oder sonstigen Erklärungen, sie alle leiden unter einem erheblichen Mangel: "der fehlenden Akzeptanz anderer Kulturansichten, die nichts anderes verfolgen als das, was die fortschrittliche, westliche Welt entdeckt hat, jedoch aus einer anderen kulturellen Vorgeschichte heraus".

Wo Menschen aufeinandertreffen, treffen auch Erwartungshaltungen, Wünsche und Meinungen aufeinander. Diese können von gleichgerichtet bis hin zu total gegensätzlich reichen. Es entstehen Konflikte oder, im abgeschwächten Sprachgebrauch, Probleme. Wir kennen verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit Problemen. Ich will hier einige exemplarisch darstellen.

1. Ich erkenne einen Konflikt oder die Möglichkeit, dass in der Begegnung ein Konflikt entstehen kann und weiche dieser Situation aus. Ich betreibe also Konfliktvermeidung ohne mich damit auseinander zu setzen.

2. Ich stelle mich der Konfliktsituation und lege meine Argumente, die zur Lösung beitragen könnten dar. Ich höre mir die anderen Argumente an und wir sprechen über eine Lösung oder eben einen Weg, der eine Lösung verspricht. Die Lösung kann sehr verschieden ausfallen oder von den Beteiligten wahrgenommen werden. Oft ist sie an sich ein Kompromiss.

3. Der Meinungsaustausch über die Hintergründe oder Erwartungen, die zum Konflikt führten ergibt, dass die Positionen derzeit nicht in Einklang gebracht werden können. Beide Seiten akzeptieren dies und suchen einen Weg, wie mit den unterschiedlichen Positionen umgegangen wird. Der Konflikt wird also als derzeit nicht auflösbar akzeptiert und damit in seinen Auswirkungen entschärft.

4. Der Meinungsaustausch führt zu dogmatischen Aussagen über Positionen und "richtige Lösungen". Ein wirklicher Meinungsaustausch, verbunden mit dem gegenseitigen Zuhören und dem Versuch die Position des Konfliktpartners zu verstehen, ist nicht mehr möglich. Der Konflikt führt über Dogmen zur Sprachlosigkeit.

Wenn aber nicht mehr miteinander geredet wird, dann hört man sich auch nicht mehr zu. Es werden Mauern errichtet und als Folge davon wird der eigenen Lebensraum immer kleiner. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für jede Gruppe mit einer kollektiven Meinung, auch für Staaten und staatliche Verbünde. Es gilt auch für Gruppen mit einer gemeinsamen Weltanschauung, Religion oder kulturellen Wurzel. In diesen Mauern aber verhärten sich Dogmen und es wird nur noch wahrgenommen, was das Dogma als richtig bestätigt. Es findet kein Hinterfragen mehr statt, dort wo es sich andeutet wird es unterdrückt.

Die Sprachlosigkeit zwischen Konfliktpartnern dehnt sich zur Sprachlosigkeit innerhalb dogmatischer Mauern aus. Es kommt zur Diktatur des Dogmas. Verteidiger des Dogmas werden zu Helden, wenn sie dabei ihr Leben oder ihre Freiheit verlieren, werden sie zu Märtyrern. Innerhalb der Mauern eines Dogmas wird der Terror nach innen und außen legitimiert.

Die Ereignisse des 11. September 2001, das Entsetzen und die Lähmung in mir selbst, machten es mir unmöglich an diesem Abend die übliche Telefonberatung für Transgender durchzuführen. Intuitiv wurde mir klar, dass ich den Ratsuchenden an diesem Abend in keinem Fall hätte gerecht werden können. Meine Wahrnehmung des Zuhörens war gestört. Ich konnte schon beim ersten Anrufer, bevor ich das Telefon abschaltete, die Wichtigkeit seines Problems nicht mehr erkennen. Ich konnte einem der wesentlichsten Leitgedanken meiner Arbeit nicht mehr folgen:

Das wichtigste Problem, das ein Mensch haben kann, ist immer das augenblickliche, für das er eine Lösung sucht und nicht findet.

Konflikte - Dogmen - Sprachlosigkeit - Terror, so habe ich diesen Text überschrieben und ich stelle nun die Frage: "Hat dies mit uns Transgendern - Transfrauen, Transmännern und Intersexuellen - etwas zu tun?" Die Antwort ist einfach und lautet "JA". Jeder von uns trat mit seiner Geburt in eine Welt voller Dogmen die zwangsläufig zu Konflikten führen und sehr häufig in Sprachlosigkeit münden. Jeder von uns ist mehr oder weniger stark Terror ausgesetzt und übt selbst Terror aus, denn die Existenz von Dogmen führt immer zu Terror, auch dann wenn er nicht so genannt wird und nur bei genauem Hinterfragen als solcher entlarvt werden kann.

1. Dogma: Es gibt nur Männer und Frauen, Kinder werden als männlich oder weiblich geboren.

Dieses Dogma ist gesetzlich verankert. Eine parlamentarische Mehrheit, bestehend damals ausschließlich aus Männern, die lediglich das sichere Gefühl hatten Männer zu sein, nicht aber wussten, was dieses Gefühl ausmacht, habe dieses Gesetz geschaffen und damit alle anderen ausgegrenzt, die diesem sichern Gefühl eben nicht folgen können. Sie haben unterstellt, dass die Natur eindeutig sei, ohne zu wissen was natürliche Eindeutigkeit ist.

2. Dogma: Kinder, die bei der Geburt, durch den Blick der Hebamme nicht eindeutig zugeordnet werden können, sind als krank oder missbildet zu betrachten.

Dieses Dogma ist medizinisch wissenschaftlich verankert. Am 22. September 2001 titelt der Kölner Stadtanzeiger: "Eine massive Ernüchterung" - Abkehr von der autoritären Medizin. Weiter ist zu lesen: 90% der Leitlinien in der Medizin verbessern nicht wirklich die Versorgung der Patienten. ... Wirklich wissenschaftlich seien lediglich 25 bis höchstens 40% der medizinischen Eingriffe und Diagnoseverfahren, die heutzutage angewandt werden. ... Eine evidenzbasierte Medizin stellt eine Abkehr von der bisher praktizierten autoritären Medizin dar, die durch die wissenschaftlichen Auffassungen von Einzelpersonen geprägt ist." (Es handelt sich hier um wörtliche Zitate von Experten, die an einem Kongress an der Kölner Universität teilnahmen, u.a. Prof. Karl Lauterbach - Direktor des Institutes für Gesundheitsökonomie, Ärztekammerpräsident Berlin - Dr. Günther Jonitz, Prof. Matthias Schrappe - Leiter der Abteilung Qualitätsmanagement Gesundheit.)

Betrachte ich dieses zweite Dogma nun ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt, dass es auf Lehrmeinungen beruht, die noch vor 1873 aufgestellt wurden, dann entsteht entweder nur Sprachlosigkeit oder der Aufschrei, dass es sich dabei um eine staatlich und medizinisch sanktionierte Aufforderung zum "Experiment am Menschen" handelt.

Erst vor wenigen Tagen wurde in München einem Menschen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit abgesprochen, mit dem Hinweis es gäbe in Deutschland, was ja im Gesetz nachzulesen sei, nur männlich oder weiblich. Dieser Mensch wurde von Staat und Medizin vergewaltigt und muss sich nun auch noch anhören, dass dies legitim war und auch in Zukunft so sein wird.

Dieses 2. Dogma wird auch als Legitimation dafür benutzt, warum Menschen, die unter ihm leiden, nicht zu Kongressen zugelassen werden, bei denen genau über diese Fälle und deren Behandlung diskutiert wird. Verkürzt dargestellt lautet das Argument der "Experten": "Diese betroffenen Menschen seien ja durch ihre Krankheit oder Behinderung nicht objektiv in der Lage zu einer Verbesserung in der Gesundheitsfürsorge für andere Intersexuelle beizutragen. Sie seien ja, weil bei ihnen wohl einiges nicht optimal gelaufen sei, nicht objektiv genug."

In vielen Fällen von Intersexuellen ist jedoch nur eines schief gelaufen: "Die Mauer des Schweigens von Ärzten und/oder Angehörigen hat irgendwo nicht gehalten oder es wurden Indizien sichtbar, die Behandlungs- und Erziehungslügen aufdeckten."

3. Dogma: Ein gesundes Mädchen mit Scheide entwickelt sich zur Frau, ein gesunder Knabe mit Penis wird automatisch zum Mann. Kommt es dabei zu Abweichungen, dann handelt es sich um sexualtherapeutisch zu betrachtende Probleme.

Dieses Dogma entwickelte sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als die Psychologie in den Rang einer Wissenschaft aufstieg. Im Rahmen des gesellschaftlich sozialen Kontext wurde es aber zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Betrachten wir die Zeit von Freud bis etwa Mitte der 60er Jahre in Deutschland und der BRD, so will ich dies am Beispiel von Transfrauen exemplarisch verdeutlichen:
Eine Transfrau, bei der Geburt also dem männlichen Geschlecht zugewiesen, musste sich also zwangsläufig als Mann verkleiden. Die wenigen Gelegenheiten sich körpernah auch weiblich zu fühlen, also weibliche Wäsche zu tragen, heimlich zu Hause oder unter der männlichen Oberbekleidung, führten natürlich zu Erregung. In der Öffentlichkeit war aber die Meinung vorherrschend, dies sei pervers. Zur Erregung kam also die Angst und das schlechte Gewissen. War diese Transfrau auch noch heterosexuell orientiert, also auf einen Mann (was im Sinne von heterosexuell natürlich nur eine von mehreren Alternativen ist), dann galt sie als schwul. Schwulsein war aber von der "Wissenschaft" als schwere krankhafte Persönlichkeitsstörung eingeordnet und sogar strafbar, wenn es praktiziert wurde. Die Transfrau wurde also von außen in ihrer Sexualentwicklung gestört und damit hatte sich das Dogma selbst bestätigt.

Anmerkung: Ich kann es mir an dieser Stelle nicht verkneifen einen Denkansatz, der vor einigen Tagen von Alex, vom Transmann e.V. veröffentlicht wurde hier zu bringen. Homosexualität und Heterosexualität hat eine andere Dimension, als sie bisher gesehen wurde:
Eine Transfrau ist homosexuell veranlagt wenn sie sich in eine andere Transfrau verliebt. Sie ist heterosexuellwenn sie sich in eine Cisfrau, einen Cismann oder einen Transmann verliebt (Cis = zugeordnetes Geschlecht und empfundenes Geschlecht sind identisch.)
Ein Transmann ist homosexuell veranlagt wenn er sich in einen Transmann verliebt. Er ist heterosexuell wenn er sich in einen Cismann, eine Cisfrau oder eine Transfrau verliebt.
Eine Cisfrau ist homosexuell veranlagt wenn sie sich in eine andere Cisfrau verliebt. Sie ist heterosexuellwenn sie sich in eine Transfrau, einen Transmann oder einen Cismann verliebt.
Ein Cismann ist homosexuell veranlagt wenn er sich in einen anderen Cismann verliebt. Er ist heterosexuellwenn er sich in einen Transmann, eine Transfrau oder eine Cisfrau verliebt.
Definiert man entsprechend schwul als Liebe zwischen Männern, dann gibt es homosexuelle und heterosexuelle Schwule. Ist lesbische Liebe die Liebe zwischen Frauen, dann gibt es ebenso homosexuelle und heterosexuelle Lesben.

Natürlich fehlt in dieser Aufzählung der sexuellen Orientierung, also der Partnerschaftswahl zum praktizierten Sex, noch die Gruppe der Intersexuellen.

Ich denke, dass es notwendig wäre, dass sich alle Wissenschaftler, die sich mit Sexualtherapie und Sexualforschung beschäftigen, gut daran täten sich einmal in ihr "Kämmerlein" zurück zu ziehen und über die Aussagen dieser Anmerkung, im Spiegel ihrer Dogmen betrachtet, meditieren.

4. Dogma: Transfrauen und Transmänner, Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität (so nennt sie der Gesetzgeber und der ICD 10 im Diagnoseschlüssel F 64.0 ff), lehnen auf Grund ihrer krankhaften Veranlagung ihr biologisches Geschlecht ab.

Eine ausschließlich beschreibende Medizin und Psychologie, die "Transsexualität" völlig isoliert betrachtet hat, führte zu dieser dogmatischen Aussage. Sie lässt dabei völlig außer Acht, dass die Menschen, über die sie schreibt und urteilt, Teil dieser Gesellschaft sind und damit allen Vorstellungen und Vorurteilen, teilweise von den selben Wissenschaftlern geprägt, ausgesetzt sind (Ich verweise auf Kap. 1 meines Sachbuches: "Gleiche Chancen für alle" Transidentität in Deutschland 1998/1999).

Ich frage die "Experten": "Wie kann ein Mensch zu sich selbst eine gesunde Einstellung und Beziehung finden, wenn er von außen automatisch als krank und unnormal dargestellt wird?"

5. Dogma: (Eine richterliche Interpretation des Transsexuellengesetzes, kein Einzelfall sondern für alle Transgender anzuwenden, vor allem aber für Transfrauen) Es war die ausdrückliche Intention des Gesetzgebers, dass ausgeschlossen werden muss, dass sich der Antragsteller in seinem Ursprungsgeschlecht sexuell betätigen kann (Operationszwang zur Vermeidung von homosexuellen Praktiken).

Als Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts das Transsexuellengesetz vorbereitet wurde, gab es nicht nur das auch heute noch geltende kirchliche "Sündendogma" über Homosexualität, sondern auch den § 175 im Strafgesetzbuch. Explizit auf dieses Gedankengut stützt sich auch heute noch der Vollzug des Transsexuellengesetzes. Als der § 175 vom Bundesverfassungsgericht als mit dem Grundgesetz unvereinbar abgeschafft wurde, hatte dies keine Auswirkungen auf das TSG, obwohl genau dieser Paragraph Teile der Formulierungen des TSG ausdrücklich beeinflusste.
Dieses Beispiel zeigt ganz deutlich, dass Dogmen auch dann fortwirken, wenn ihre Aussage als falsch entlarvt ist. Ich berichte nicht von der "Wirklichkeit" eines unterentwickelten Landes, sondern von einer Realität in unserem Staat, aufgeklärt, den Menschenrechten verpflichtet, fortschrittlich die Rechte von Minderheiten bewahrend. Was aber ist mit Transgendern - Transfrauen, Transmännern und Intersexuellen, und ihren Rechten auf ein selbstbestimmtes würdiges Leben?

Wäre es nicht eine notwendige und edle Aufgabe, neben der aktiven Hilfe für bereits Geschädigte - durch Rehabilitation, für Träger staatlicher und wissenschaftlicher Gewalt, in der Bevölkerung ein Klima zu schaffen, das Transgendern eine gesunde Entwicklung von Anfang an ermöglicht? Kann es die Aufgabe von Politikern und Wissenschaftlern sein die Natur in Gut und Böse einzuteilen um sie im Sinne staatlicher Ordnung handelbar zu machen? Wäre es nicht an der Zeit die Sprachlosigkeit auch auf diesem Gebiet zu überwinden? Sind sich Politiker und Wissenschaftler klar darüber wie viele Selbstmorde ursächlich in ihren Dogmen begründet sind? Können wir alle und vor allem die Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft nicht froh darüber sein, dass es dabei noch zu keinen Selbstmordattentaten gekommen ist?

6. Dogma: ... 7. Dogma: ... 8. ... Die Reihe könnte noch fortgeführt werden. Das Tagesgeschäft ruft mich wieder. Post ist liegengeblieben, Mails müssen beantwortet werden. Einzelfälle müssen bearbeitet werden. ...

V.i.S.d.P. Helma Katrin Alter (2001)